Der Inyltschek-Gletscher ist mit insgesamt fast 90 Kilometern Länge einer der längsten Gletscher in Zentralasien überhaupt (zweitgrößter, außerpolare Gletscher der Erde). Der Eisriese liegt direkt an der Grenze von Kasachstan, Kirgistan und China. Er ist nicht nur aufgrund seiner Ausmaße ein interessantes Forschungsobjekt. Er stellt auch ein Paradoxon dar, das zu verstehen, neue Erkenntnisse zum Klimawandel bringen könnte.

Komplexes Gletscher-System

Der Gletscher ist im oberen Drittel in zwei Gletscherströme geteilt, den nördlichen und den südlich Inyltschek, die in zwei nahezu parallel verlaufenden Tälern liegen. Einst hatte dieser zwei Nährgebiete, und die zwei Hauptströme vereinigten sich zu einem Gletscher auf der Höhe der 2009 errichteten Gottfried-Merzbacher-Station. Vor etwa 70 Jahren begann der nördliche Inyltschek abzuschmelzen, so dass heute nur noch der südliche Inyltschek auf ganzer Länge das Tal ausfüllt. Der nördliche Inyltschek ist nun längst vom Haupteisstrom abgerissen und endet mehrere Kilometer oberhalb der Talmündung und oberhalb des Merzbacher-Sees – hinter einem mächtigen Moränenwall aus Schutt.

Das Phänomen: Während der nördliche Inyltschek zurückschmilzt, stößt der südliche Inyltschek weiter vor. Innerhalb von wenigen Quadratkilometern herrschen also Bedingungen, die den einen Gletscher abschmelzen, den anderen jedoch vorstoßen lassen. Dort auf 3.400 Meter Höhe hat deswegen die Gottfried-Merzbacher-Forschungsstation 2010 ihren Dienst aufgenommen. Von Mai bis September soll die neue „Merzbacher-Station“ jährlich besetzt sein und Wissenschaftlern die Möglichkeit geben, unter weitaus komfortableren Bedingungen als bisher ihrer Arbeit nachzugehen. In den nächsten Jahren wollen die deutschen Wissenschaftler zusammen mit kirgisischen Kollegen den Klimawandel, Gletscherphänomene und Erdbeben erforschen.